Warum Führen viel Energie kosten kann
Warum Führen viel Energie kosten kann
Führung bedeutet meist, dauerhaft Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Diese Verantwortung beansprucht Körper und Psyche stärker als rein fachliche Aufgaben. Kommt es zur Erschöpfung, wird dies oft als Versagen oder Unfähigkeit des Betroffenen bewertet. Diese Sicht greift zu kurz.
Führen ist energieaufwändig. Wer führt, hält das eigene Nervensystem kontinuierlich aktiv – gedanklich, emotional und in der Beziehung mit anderen. Wachsam sein, regulieren, beobachten, vorausschauen: All das geschieht oft ohne klaren Endpunkt. Diese permanente innere Aktivierung verbraucht viel Energie. Hinzu kommt, dass Menschen in Verantwortung nicht nur sich selbst steuern, sondern auch andere mitregulieren: im Beruf Mitarbeitende, im Privaten ggf. Kinder und andere Schutzbefohlene. Diese emotionale Co-Regulation ist anstrengend.
Führungsarbeit ist ausserdem geprägt von entgegengesetzten Erwartungen, offenen Fragen und Entscheidungen, die nicht eindeutig richtig oder falsch sind. Das Nervensystem sucht jedoch Klarheit. Unklarheit und Mehrdeutigkeit erzeugen innere Spannung. Besonders belastend sind Situationen, in denen mehrere, z. T. widersprüchliche Faktoren (z. B. Schutz und Selbstbestimmung, Übernahme von Verantwortung, ohne ausreichenden Handlungsspielraum oder unethische äussere Vorgaben und Strukturen) gleichzeitig berücksichtigt werden müssen. Dabei entsteht sogenannter „moralischer Stress“. Nach solchen Tagen fällt es schwer abzuschalten, weil das Nervensystem weiterhin aktiv bleibt (z. B. eine Entscheidung innerlich weiter überprüft). Verantwortung endet nicht abrupt, Gedanken arbeiten nach, und Erschöpfung zeigt sich oft körperlich.
Diese Form der Erschöpfung ist kein eindeutiges Zeichen von Schwäche oder fehlender Professionalität. Sie deutet nicht zwangsläufig auf mangelnde Belastbarkeit, zu hohe Sensibilität oder fehlende Abgrenzung der Betroffenen hin. Eine solche Entkräftung zeigt in erster Linie, dass das Nervensystem intensive Führungs- und Beziehungsarbeit geleistet hat. Sie ist ein Ausdruck dauerhaft übernommener Verantwortung.
Führen kann „ungesund“ werden, wenn Verantwortung über längere Zeit getragen wird, ohne dass ausreichend Entlastung, Begrenzung und Regulation möglich sind. Ein dauerhafter Zustand erhöhter innerer Anspannung kann zu chronischer Überlastung führen, die sich körperlich, emotional und mental zeigt. Gesundheitsschädlich wird Führen auch dann, wenn Verantwortung innerlich allein getragen wird. Fehlen Austausch, Resonanz und die Möglichkeit, Entscheidungen oder Zweifel zu teilen, wächst das Gefühl, alles auffangen zu müssen. Verantwortung braucht Beziehung und Rückmeldung. Verstärkt wird dies durch strukturelle Bedingungen wie permanente Erreichbarkeit, unklare Rollen oder widersprüchliche Erwartungen.
Besonders kritisch wird es, wenn Beziehung und Fürsorge kontinuierlich über den eigenen Selbstschutz gestellt werden. Werden eigene Bedürfnisse langfristig ignoriert, Konflikte aus Rücksicht vermieden und emotionale Co-Regulation nicht begrenzt, kann das innere Gleichgewicht aus dem Lot geraten. Zudem können (unbewusste) negative Prägungen und problematische Bewältigungsstrategien (z. B. Perfektionismus, die Angst vor Fehlern und die Vorstellung, alles selbst machen zu müssen) zu einem erhöhten Risiko von Überforderung und Erschöpfung führen. Gleichzeitig erschwert mangelndes Selbstbewusstsein Entscheidungen und fördert Zögern sowie ständiges Hinterfragen, was ebenfalls Energie kostet.
Das wertorientierte systemische St.Galler Coaching Modell® kann im Kontext Führung darin unterstützen, Überforderung und Erschöpfung vorzubeugen, indem es eine reflektierte, ganzheitliche Sichtweise auf Herausforderungen fördert. Zudem können die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden gestärkt und Ressourcen für Resilienz besser genutzt werden. Darüber hinaus hilft der Coaching-Ansatz dabei, den Fokus auf nachhaltige, wertorientierte Lösungen statt auf kurzfristige Krisenbewältigung zu legen.
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